Lesepredigten

Rogate 2020 (17. Mai 2020) Pfarrer Jörg Oberbeckmann

Rogate 2020 (17. Mai 2020)

Liebe Schwestern und Brüder!

Wer das „Vater unser“ betet, geht über sich und seine Welt hinaus. Wer das „Vater unser“ betet, verliert sein alltägliches Bewusstsein und gewinnt ein neues Selbstverständnis: Er oder sie merkt, dass ich nicht nur ein „Menschenkind“ bin, sondern auch ein „Kind Gottes“ – Sohn oder Tochter des Vaters im Himmel.

Von ihm habe ich gehört und selbst erfahren, dass er allein Heil und Leben schafft und das Reich Gottes heraufführt, das das Leid der Welt und die Traurigkeiten meines Lebens in ewige Freude verwandelt.

Die Gegenwart wird ins Licht der Zukunft Gottes gerückt, die Erde mit dem Himmel in Verbindung gebracht, mein kleines Leben mit dem großen Gott verbunden.

Was ist da zu erwarten?

Jesus antwortet selbst: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf“. Das also kommt auf uns zu und ist in Jesus schon da und gegenwärtig. Denn wir sind „die Armen, denen das Evangelium verkündet wird“.

Wer das „Vater unser“ betet, steigt in die Zukunft Gottes und das Reich des Himmels ein. Das verändert mein Leben radikal und nachhaltig. Ich lese: „Im Gebet zeigt sich das Wirklichkeitsverständnis des Glaubens“.

Wir beten zum unserem Vater im Himmel, der natürlich „im Verborgenen“ ist (Mt 6) „Wir haben es mit einem Vater zu tun, der im Verborgenen ist und ins Verborgene sieht.“ Wenn wir aber mit dem Vater reden und ihn anbeten, wird der Verborgene offenbar, indem er angesprochen wird. Der Verborgene ist dann da. Paradox? Ja. wie so vieles im wahren Leben. „Das Verborgene des von Jesus gelehrten Gebetes ist der Ort, an dem Gott zu treffen und zu sprechen ist“. So verspricht der Vollzug des Gebetes die eigene Erfüllung, weil sich im Gebet die Gottesbeziehung ereignet und verwirklicht. Schön, was ich weiter lese: Betende „wissen sich als eines Vaters bedürftig und fühlen sich also als seine Kinder. Sie erweisen sich als solche, die die Schönheit und Wahrheit des Verborgenen kennen. Sie leben in einer Wirklichkeit, die mehr umfasst als data, Fakten und Gesetzmäßigkeiten.

Im Gebet erfahren sich Betende als Menschen, die in der Präsenz Gottes leben.“ Hier realisiert sich erfülltes Leben im Jetzt und auf Erden dadurch, dass man den Himmel in den Blick nimmt und der Zukunft gewahr wird. Im Gebet flieht der Mensch also nicht aus der Welt und vor seinem Leben, sondern er nimmt die Welt und sein Leben mit zu Gott und sucht Zuflucht bei dem, der wirklich helfen und heilen kann.

„Den Leib, die Seel, das Leben /

hat er allein uns geben; /

dieselben zu bewahren, /

tut er nie etwas sparen.“ (eG 320,2)

Weil Gott nicht geizt mit seiner Güte und nicht sparsam ist in seinem Walten und Wirken, darum gilt eine Gewissheit, die Johann Frank (nach dem Ende des 30jährigen Krieges 1653) im Anschluß an Paulus so umschreibt: „denen, die Gott lieben, muß auch ihr Betrüben lauter Freude sein“ (e G 396,6).

Und: „Wir jubilieren und triumphieren,

lieben und loben, dein Macht dort droben

mit Herz und Munde – Halleluja! (398,2)

Das äußert sich in der ersten Bitte: „geheiligt werde dein Name!“ Wir bitten Gott darum, dass er seinen heiligen Namen auch in der Welt und im Leben unheiliger Menschen und Zustände groß macht und ihm Gewicht verleiht – zum Wohl der Menschen. Und natürlich: Wenn wir Gott um die Heiligung seines Namens bitten, werden wir ihn zuerst heilig zu halten versuchen und seinen Namen nicht mißbrauchen, sondern ihn ehren. „Lobet den Herren, alle die ihn ehren, lasst uns mit Freuden, seinem Namen singen und Preis und Dank zu seinem Altar bringen!“ (447,1)

Wenn Gott als der Vater im Himmel nun schon im voraus weiß, was wir brauchen, dann könnte man fragen: Warum beten wir um das, was auch ohne uns und unabhängig von unseren Worten geschieht?“ Josuttis 127) –

Eine Antwort ist: „Unser Bitten besteht in der Zustimmung zum göttlichen Wirken.“ „Dein Wille geschehe!“ Wenn wir beten, was Jesus uns vorgebetet hat, dann wird das Wunderbare, das Gott uns bereitet, Teil unseres eigenen Lebens. Es bleibt uns nicht länger fremd oder verschlossen. Wir nehmen heute schon an dem teil, was kommt: dass Gottes Name über alle Namen ist und sein Name allein herrlich und heilig ist, voller Gewicht und Schönheit, allein wertvoll, weil Gott allein der HERR ist und darum nur das geschieht, was ER will.

Wie das aussehen wird, sieht man am Ende der Schrift: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offb. 21,4) Darauf gehen wir zu. In diese Bewegung klinken wir uns ein, wenn wir so beten, wie Jesus es lehrt.

Wenn wir so im Gebet über uns und unsere Welt hinausfahren „gen Himmel“ zum Vater, dann sollen wir um Gottes Willen die Erde darüber nicht vergessen – denn das alles gilt und soll gelten „im Himmel und auf Erden“.

Deshalb kommt nach den ersten drei Bitten nach dem Himmel und der Zukunft wieder die Erde und das Heute in den Blick: „unser tägliches Brot gib uns heute!“

Das Brot steht für das Lebensnotwendige schlechthin. Wenn Nahrung fehlt, fehlt es an allem; das Leben ist gefährdet. Gott will nicht, dass das Leben zugrunde geht. Betende wissen das und bitten also „um das tägliche Brot“.

Das ist nicht symbolisch zu verstehen, sondern elementar. Es zeigt die Lebensverhältnisse der ersten Christen: sie waren arm. Sie mussten sich sorgen um das Brot für morgen, und deshalb bitten sie Gott um das Brot – täglich möge er es geben. „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Zweimal uns! – Alle Menschen werden hier zusammen gebracht: ich brauch täglich Brot und alle Menschen brauchen das: „Brot für die Welt“. Es geht im christlichen Glauben immer nur um „uns“ – um uns alle, nicht nur um „mich“. Das starke, schwache, elende, stolze, schwankende, trotzige „Ich“ wird aufgehoben in das „wir“. Wenn der Nächste nicht im Blick ist und mitbedacht und hinein genommen wird ins Gebet und in die Zukunft des Reiches Gottes, dann ist das nicht biblisch und entspricht nicht der Weisung Jesu. Das „Ich“, das Individuelle, Besondere, Einzigartige wird hoch geschätzt im Glauben; kein Mensch kommt da zu kurz. Aber „der Mensch“ darf nicht „bei sich“ bleiben. Er braucht und will Gemeinschaft: die „Gemeinschaft der Heiligen“, die sich vor Gott zusammen schließen und ihn vielstimmig ehren und anbeten: „Unser Vater.“

„und vergibt uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigen“.

Wieder gilt das gerade gesagte: Es geht um uns vor Gott, und dann geht es um uns untereinander. Wir bleiben uns gegenseitig viel schuldig. Wir bleiben auch Gott vieles schuldig. Wir können nur als Sünderinnen und Sünder vor Gott treten und ihn eben so bitten: „Vergib uns!“ Und sobald das ausgesprochen ist und von Gott erbeten und erhofft wird, gilt es auch unserem Nächsten. Wie wir Vergebung erhoffen, müssen wir vergeben und zur Vergebung bereit sein. Matthäus ist das so wichtig, dass er nur diese Bitte eigens kommentiert in V. 14+15: „“Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird auch euer himmlischer Vater euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben.“

Offenbar sind Schuld, Versagen und Verfehlungen eine so große Gefahr für die Gemeinde Jesu, dass das betont wird; ohne die Bereitschaft zur Vergebung und Versöhnung gibt es keine Gemeinschaft und keine Zukunft. Christen müssen bereit sein, einander und den Menschen zu vergeben. „Vergebung der Sünden“ steht im Glaubensbekenntnis vor „dem ewigen Leben“.

Die letzte Bitte des Vaterunsers ist wieder eine Doppelbitte: „Und führe und nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Ich erinnere mich dankbar an Ilse Brüseke, für die dieser Satz als fromme Frau jahrelang ein Problem war: Führt unser Gott uns in die Versuchung? Wengst übersetzt anders: „Und führe uns nicht in Anfechtung, sondern beschütze uns vor dem Bösen“ – und er kommentiert: Jakobus 1,13 bestreitet, „dass Gott es sei, der Menschen einer Bewährungsprobe aussetze. Die sechste Bitte hat bedrängende Situationen im Blick, verursacht durch Krankheit, unglückliche Umstände, böswillige Menschen, eigene Unzulänglichkeit. Solche Situationen werden nicht herbeigewünscht. Aber sie kommen im Alltag vor. In dieser Bitte wird darum gebetet, davor verschont zu werden.“ Ilse Brüseke hatte sich übrigens die Deutung von Ruth Lapide zu eigen gemacht: „und führe uns durch die Versuchung hindurch“. Lapide ist Jüdin. Das bringt mich dazu, mit Wengst zu betonen, „dass das von seinem Ursprung und Inhalt her durch und durch jüdische Unservater“ (146) zum Kernstück christlicher Identität wurde. Christlicher Glaube ist ohne jüdische Wurzeln nicht denkbar. Herzliche Grüße

Predigt zum Sonntag Kantate 10. Mai Pfarrer Oberbeckmann

Kantate 2020 (10. Mai 2020)

Liebe Schwestern und Brüder!

„Singet! Singet dem Herrn, ein neues Lied, denn er tut Wunder!“ Der 98. Psalm gibt den Ton an für diesen Sonntag „Kantate“.

Nun ist in diesem Jahr alles anders. Lieber nicht singen, so lautet die Empfehlung in den offiziellen Stellungnahmen der Kirchen. „Singen verboten“ – so lautet die Überschrift des Artikels von Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung vom 2./.3. Mai – auf der Meinungsseite 5. Er fragt sich dort, „ob der Staat so massiv wie wegen Corona in die Religionsfreiheit eingreifen darf“ und ist der Meinung: „Die Kirchen haben schicksalsergeben reagiert, aus Nächstenliebe, wie es hieß, aber damit Autorität verloren. Bei der Wiederaufnahme der Gottesdienste setzt sich das fort: Abwesenheit eintragen! Hände desinfizieren! Mundschutz anlegen! Auf markierte Plätze setzen! Singen verboten! So steht das in kirchlichen Schutzkonzepten…“ Stimmt. Prantl meint: „Man darf ruhig auf die kluge Freiheit der Christenmenschen und auf ihren Verstand setzen.“ Und auch der Staat bekommt sein Fett weg: Auch er „darf auf die Vernunft seiner Bürgerinnen und Bürger setzen. Der demokratische Staat ist kein paternalistisches Projekt. Er lebt von der Mündigkeit seiner Bürger. Er erträgt vielleicht kurzfristig einen Maskenschutz, aber nicht die Entmündigung der Gesellschaft.“ Auch richtig! Freiheit, Verantwortung, Grundrechte, Vernunft und Verstand – Gottesgaben, die es zu nutzen gilt. Die Freiheit eines Christenmenschen und die Meinungsfreiheit – all das ist zu verteidigen! Verantwortungsvoll und vernünftig. Singen verboten am Sonntag „Kantate“. Streit über diese Frage muß erlaubt sein!

Überhaupt: Man lernt in dieser Coronakrise ja Menschen kennen, die man zuvor nicht kannte. Rainer Forst z.B, ist Professor für politische Theorie und Philosophie und schreibt: „Wir leben derzeit in einer verdrehten Welt: Solidarität zu üben heißt, auf Distanz zu anderen zugehen. Individuelle Freiheit soll künftig durch Bewegungserfassung ermöglicht werden.“

Man könnte auch sagen: Freiheit soll durch Überwachung ermöglicht werden. Das ist nun tatsächlich alles wahrhaft paradox – „verdrehte Welt“.

Der Beobachter der Lage aus Frankfurt schreibt weiter: „Vor allem aber muß das große Exempel, das wir dieser Tage erleben, dass die demokratische Politik in der Lage ist, alle Macht auf ein spezifisches Gemeinwohl-Interesse hin zu bündeln, festgehalten werden.

Das sollte nicht nur dort leitend sein, wo es um die richtige Politik des Endes des ‚Lockdowns`geht, sondern auch dort, wo unsere Gesellschaften bisher nicht in der Lage waren, aus lebens- und existenz-bedrohenden Politiken auszusteigen, sei es bei ökologischen Fragen oder bei der Bekämpfung von Armut, Niedriglohn und Ausgrenzung“.

(SZ Nr. 102 vom 4. Mai 2020 S.9)

Bei solchen „Ausstiegen“ werden die Christen und die Juden ein Wörtchen mitreden wollen, denn sie sind in gewisser Weise Experten von Ausstiegs-Szenarien.

Der sonntägliche Gottesdienst ist z.B. ein im Wochenrhythmus wiederkehrender Ausstieg aus den Alltagskämpfen um Anerkennung, Aufmerksamkeit, Arbeit und Erfolg. Der Gottesdienst spielt eine andere Dimension ins Leben und in die Welt ein, die „aus lebens- und existenz-bedrohenden“ Gewohnheiten auszusteigen hilft.

Der Sonntag ist ja der Tag nach dem Sabbat, der wiederum der letzte Tag der Schöpfung ist, die Gott der HERR ins Werk gesetzt hat. Dieser siebente Tag, der Sabbat, ist sozusagen der Ursprung aller Ausstiegsüberlegungen: „Und Gott ruhte von allen seinen Werken….

Jüdisch gesehen ist der Sabbat ein in den Lauf der Zeit gesetzter „Lockdown“, „ein Palast in der Zeit“ (Heschel), der die Menschen zur Ruhe kommen lässt und ihnen damit die Möglichkeit zum Nachdenken ermöglicht, die zu Neuanfängen führen können.

Der Sonntag ist demgegenüber der „erste Tag“ einer neuen Schöpfung, die alles Lebens- und Existenzbedrohende hinter sich gelassen hat, weil der Tod als die das Leben vernichtende Macht überwunden und in Schranken gewiesen ist. Die Osterzeit ist Siegeszeit und darum Singe-Zeit: „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ – Warum? „Denn er tut Wunder!“

Wunder sind Ereignisse, die Menschen und ganzen Gesellschaften ermöglichen, aus der tödlichen Logik des „immer weiter so“ auszusteigen. Rainer Forst schließt seinen Beitrag mit einer Frage:

„Ob diese Krise ausreichend demokratische Antikörper hervorbringt, die uns motivieren, sie als Moment der Entscheidung für eine neue Politik zu begreifen?“

Als Pastor frage ich ein bißchen anders: Kann diese Krise zum Anstoß werden für eine „Umkehr zum Leben“, die sich aus unserer (christlichen) Sicht nur als eine neue Hinwendung zum Evangelium vollziehen kann? Der vorgeschlagene Predigttext für diesen Sonntag findet sich im Alten Testament, im 2. Buch der Chronik, Kap. 5,2-14. Er erzählt von der Einweihung des Tempels in Jerusalem.

Und erstaunlicherweise lese ich von einem Professor der Theologie ähnliches wie vom Frankfurter Politologen: „Dass die Schlichtheit der Lade und Gottes Gegenwart in der Wolke die Feier unterbrechen, warnt davor, uns mit unserem gut gemeinten (Religions)betrieb um uns selbst zu drehen, unsere gesellschaftlich bürgerlichen Logiken zu stabilisieren und zu überhöhen“ (Deeg, 280)

Maja Göpel beginnt ihr Buch, „Unsere Welt neu denken“, das sie als eine Einladung versteht, mit einer Szene in London im Oktober 2019. Sie berichtet, dass zwei Männer im morgendlichen Berufsverkehr auf das Dach einer U-Bahn klettern und damit den Betrieb lahmlegen. „Während die Leute (auf dem Bahnsteig) langsam verärgert realisieren, dass sie zu spät kommen werden, entrollen die Männer (…) ein Transparent, auf dem steht: ‚Business as usual = Death`, was so viel heißt wie: Weitermachen wie bisher bedeutet den Tod. (Seite 9)

Unterbrechung ist also angesagt und ein Ausstieg: ein Ausstieg aus den Logiken des Todes und des „Weiter so“.

Israel hat als Volk als erstes eine wunderbare Erfahrung mit so einem Ausstieg gemacht – es war der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten. Ägypten war attraktiv: eine Hochkultur mit entsprechendem Wohlstand und Reichtum. Allerdings teuer erkauft: auf dem Rücken von Sklaven, die im Elend lebten, das sich in der Rückschau zu den „Fleischtöpfen Ägyptens“ verklärte. Der Befreier selbst, Mose, wird von manchen als Ägypter bezeichnet: von Sigmund Freud zuerst und heute prominent von Jan Assmann.

Tatsächlich hat Mose eine doppelte Herkunft: er ist Sohn zweier Leviten und Sohn der Pharaonentochter. Herkunft kann man biologisch-ethnisch verstehen oder kulturell und von Rechtswegen. Egal, biblisch ist beides, aber eines ist klar: Mose wird von einem unbekannten Gott angesprochen und ermutigt, das Volk (Gottes) aus Ägypten herauszuführen „ins Gelobte Land“. Nach den Wirren des Auszugs und einer langen Wanderung kommen die Israeliten an im Land der Verheißung – und bauen dort einen prächtigen Tempel in Jerusalem, beeindruckend in seinen Ausmaßen, ein gigantisches Bauwerk. So eindrucksvoll es ist in seiner sichtbaren Größe und Schönheit, so unscheinbar ist das Entscheidende: eine kleine Kiste wird das Zentrum bilden, darin: ein einzigartiger Vertragstext, der sich da in der „Lade des Bundes“ befindet: „Es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.“ 10 Worte – und das erste: „Ich bin der Adonaj (JHWH), der ich dich aus Ägypten geführt habe!“

Gott stellt sich als Befreier vor. Der Ort des unscheinbaren Holzkasten wird beschrieben: im „innersten Raum des Hauses“, im „Allerheiligsten“. Die Lade ist überwölbt von den „Cherubim“ – sie hüten den Kasten.

Die Monumentalität des Äußeren und Sichtbaren muß zurücktreten gegenüber dem Kern und dem Zentrum: Worte des Bundes. Diese Worte führen in die Freiheit. „Höre Israel!“ – Das Sichtbare ist Schein – Lug und Trug. Es bindet und blendet, nimmt gefangen. „Siehe!“ heißt es immer wieder in der Schrift – und gleichzeitig: nichts zu sehen. Paradox? Ja! – Verdrehte Welt? Ja, ins Wahrhaftige gedrehte Theorie – biblische „Weltanschauung“. „Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben!“

So verlassen alle Priester den Tempel, nachdem die Lade an ihrem Ort ist. Und hört, lest und seht: „als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN, und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“ Die Wolke, in der der HERR verborgen ist, hatte die Israeliten aus Ägypten geführt und auch der Sinai war in Wolken gehüllt. Nun ist „die Herrlichkeit des Herrn“ angekommen und heimisch geworden. Gotteshäuser sind Stätten des Unscheinbaren, erfüllt mit dem Unsichtbaren, der sich hören lässt. Gott sei Dank! Herzliche Grüße

Euer und Ihr Pastor Jörg Oberbeckmann

Predigt zum 8. Mai, Pfarrer Jörg Oberbeckmann

Friedenskirche Büren (8. Mai 2020)

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Kirche in Büren trägt den Namen „Friedenskirche“. Der Bau dieser Kirche ist eine Spätfolge des Krieges und seiner Konsequenzen. Vor 75 Jahren ging dieser Krieg endlich zu Ende. Ein Grund für mich, an diesen besonderen Tag zu erinnern.

Der 8. Mai 1945 ist ein Tag, der sich in die Geschichte Europas eingeschrieben hat: heute vor 75 Jahren ging eine unvorstellbarere Schreckenszeit zu Ende. Das „Dritte Reich“ sollte ein „tausendjähriges“ werden… am Ende wurden es 12 grausame und tödliche Jahre der Willkürherrschaft der Nazis.

Die schreckliche Bilanz: die fast vollständige Vernichtung des europäischen Judentums, die hunderttausendfache Ermoderung Anders-Denkender, Anders-Glaubender und Anders-Lebender, darunter Zehntausende behinderter und schwuler Menschen – und 5 1/2 Jahre Krieg mit 60 Millionen Toten und unzählig an Leib und Seele verletzter und gezeichneter Menschen. All das geht zu Ende an diesem 8. Mai 1945.

Richard von Weizsäcker hat vor nunmehr 35 Jahren zum 40. Gedenktag eine inzwischen berühmte Rede gehalten, die die Bedeutung dieses Tages als einen Tag der Befreiung von der NS-Diktatur würdigte. Es war also kein Tag der Kapitulation und der Niederlage, wie viele Deutsche in den 50er und 60er Jahre es noch empfanden, sondern es war eine einzige große Befreiung von Willkürherrschaft, Terrorregime und Krieg.

Weizsäcker machte damals deutlich, dass der 8. Mai im Zusammenhang des 31. Januar 1933 zu sehen sei – dem Tag, an dem Hitler Reichskanzler wurde und das Naziregime etablierte.

Wir können nicht umhin, uns immer wieder einzugestehen: fast alle Menschen haben hier versagt, einschließlich der gesellschaftlichen Institutionen. Die Kirchen wie die Universitäten, die Polizei wie die Justiz, Unternehmer und Wirtschaftsführer – viele Deutsche haben die Menschen verachtende Weltanschauung der Nazis geteilt.

Es gibt zwar keine „kollektive“ Schuld, aber es gibt viele einzelne Menschen, die sich schuldig gemacht haben und diese menschenfeindliche Ideologie unterstützt haben und ihr jedenfalls nicht klar genug entgegen getreten sind.

Inzwischen haben wir in Mitteleuropa seit 75 Jahren Frieden. Ich bin voller Dankbarkeit dafür, dass Europa zu einer „Union“ zusammen gewachsen ist, zu einer Gemeinschaft von Staaten, die bei allen Problemen doch seit 75 Jahren diesen Frieden in Europa garantiert. Bei allen Schwierigkeiten und Ärgerlichkeiten (z.B. die Subventionspolitik im Agrarbereich) ist Europa seit einem dreiviertel Jahrhundert ein Projekt der Versöhnung, das die Europäer so noch nie in der Geschichte erlebt haben.

Wir haben allen Grund zur Dankbarkeit!

Es kann einen darum nur mit Sorge erfüllen, dass die Gesellschaften innerhalb der einzelnen Länder Europas tief gespalten sind und dass in fast allen Ländern Europas wieder Überzeugungen stark werden, die in der Nation und im Nationalismus das Heil der Menschen und eine lohnende Perspektive für die Zukunft erblicken.

Natürlich akzeptieren wir als Christen die Überzeugungen von Menschen, auch wenn wir sie nicht teilen.

Aber wir müssen als Christen hier eben ganz klar Farbe bekennen: Die „Nation“ oder der Nationalismus ist nichts, was irgendwie christlich wäre. Jesus ist geborener Jude und als Gottes Sohn von Gott zur Welt gesandt, damit er die ganze Welt rette: alle Nationen und alle Menschen aus allen Völkern. „In keinem anderen ist Heil…“ (Apostelgeschichte 4,12)

Es gibt nicht Internationaleres als den christlichen Glauben. Und dieser Glaube verpflichtet zum Frieden: „So viel an euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden.“ (Römer 12,18) „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ (Matthäus 5,5)

Am 1. Juni 1950, vor ziemlich genau 70 Jahren, haben die ersten Menschen in Büren angefangen, ihre Häuser zu bauen. Viele der Siedler waren Kriegsopfer: Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und die als entwurzelte Menschen hier neue Wurzeln schlagen mussten.

Die Erinnerung an den christlichen Glauben und das christliche Herkommen haben dabei geholfen. Deswegen war es den Siedlern ein Anliegen, möglichst bald auch eine eigene Kirche zu erbauen, die ihnen geistliche Heimat gab. So wurde wenige Jahre nach den ersten Häusern der neuen Siedlung am 12. September 1954 der Grundstein zum Bau der Kirche gelegt, die am 5. Dezember 1955 in Dienst genommen wurde. Zunächst hatte die Kirche in Büren keinen Namen.

Die Quellen sind nicht ganz eindeutig, seit wann sie als Friedenskirche bezeichnet wird.

Wie auch immer: der Name dieser Kirche und die Geschichte des Ortes könnten Programm und Verpflichtung sein, den Frieden zu suchen und zu wahren. Haß führt in die Katastrophe. Wenn man es nicht aus der Bibel weiß, dann kann man das auch aus der Deutschen Geschichte lernen.

Ich möchte uns Teile der Rede von Richard von Weizsäcker noch mal in Erinnerung rufen, die er am 8. Mai 1985 gehalten hat. Sie ist eine der bedeutendsten Reden des 20. Jahrhunderts, die auch im 21. Jahrhundert uns Heutige heilsam orientieren kann.

Weizsäcker wurde 1920 geboren (gestorben 2015) und ist damit selbst Zeitzeuge. Im Eingansteil sagt er: „Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir!“

Der damalige Bundespräsident blickt in seiner Rede auch persönlich und selbstkritisch zurück: In „Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation, die wir jung und an der Planung und Ausführung der Ereignisse unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah. Es gab viele Formen, das Gewissen ablenken zu lassen, nicht zuständig zu sein, wegzuschauen, zu schweigen.“

Diese Strategie der Verdrängung aber ist nicht gesund. Deswegen folgt die Einsicht: „Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten.“

Wobei: „Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.

Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

35 Jahre nach diesen Mahnungen sehen wir überall in Europa eine neue Anfälligkeit für menschenverachtendes Gedankengut und eine gefährliche Verrohung der Sprache.

Weizsäcker beschließt den ersten Abschnitt mit den Worten: „Wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.

Tatsächlich erwuchs aus den Trümmern der Geschichte und der Katastrophe auf deutschem Boden etwas Einmaliges und Neues. Auch daran erinnert Weizsäcker in seiner Rede: „Vier Jahre nach Kriegsende, 1949, am 8. Mai, beschloss der Parlamentarische Rat unser Grundgesetz. Über Parteigrenzen hinweg gaben seine Demokraten die Antwort auf Krieg und Gewaltherrschaft im Artikel 1 unserer Verfassung: ‚Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.’ Auch an diese Bedeutung des 8. Mai gilt es heute zu erinnern.“ Und: „Nie gab es auf deutschem Boden einen besseren Schutz der Freiheitsrechte des Bürgers als heute. Ein dichtes soziales Netz, das den Vergleich mit keiner anderen Gesellschaft zu scheuen braucht, sichert die Lebensgrundlage der Menschen.“

Weizsäcker erinnert daran, dass 40 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs Deutschland wieder ein anerkanntes Mitglied der Völkergemeinschaft ist – trotz der historisch einmaligen Schuld. „Hatten sich bei Kriegsende viele Deutsche noch darum bemüht, ihren Pass zu verbergen oder gegen einen anderen einzutauschen, so ist heute unsere Staatsbürgerschaft ein angesehenes Recht.“

Weizsäcker leitet aus dem Rückblick in die Geschichte und die Deutung des 8. Mais 1945 als Tag der Befreiung grundsätzliche Überlegungen ab zur Verantwortung in der Gegenwart: „Wir dürfen uns der Entwicklung dieser vierzig Jahre dankbar erinnern, wenn wir das eigene historische Gedächtnis als Leitlinie für unser Verhalten in der Gegenwart und für die ungelösten Aufgaben, die auf uns warten, nutzen.

- Wenn wir uns daran erinnern, dass Geisteskranke im Dritten Reich getötet wurden, werden wir die Zuwendung zu psychisch kranken Bürgern als unsere eigene Aufgabe verstehen.

- Wenn wir uns erinnern, wie rassisch, religiös und politisch Verfolgte, die vom sicheren Tod bedroht waren, oft vor geschlossenen Grenzen anderer Staaten standen, werden wir vor denen, die heute wirklich verfolgt sind und bei uns Schutz suchen, die Tür nicht verschließen.

- Wenn wir uns der Verfolgung des freien Geistes während der Diktatur besinnen, werden wir die Freiheit jedes Gedankens und jeder Kritik schützen, so sehr sie sich auch gegen uns selbst richten mag.

Als Weizsäcker diese Rede hielt, gab es noch zwei deutsche Staaten, die verschiedenen Machtblöcken und Weltanschauungs-Gemeinschaften angehörten: auf der einen Seite die DDR, auf der anderen die BRD. Der Bundespräsident fühlte sich an diesem besonderen Tag berufen, für alle Deutschen zu sprechen: „Wir fühlen uns zusammengehörig in unserem Willen zum Frieden. Von deutschem Boden in beiden Staaten sollen Frieden und gute Nachbarschaft mit allen Ländern ausgehen. Auch andere sollen ihn nicht zur Gefahr für den Frieden werden lassen.

Die Menschen in Deutschland wollen gemeinsam einen Frieden, der Gerechtigkeit und Menschenrecht für alle Völker einschließt“.

Weizsäcker unternimmt noch einen Ausflug in das Alte Testament, in dem die Zeitspanne von 40 Jahre eine herausragende Rolle spielt.

Er schließt mit folgendem Appell. Seine Bitte an die jungen Menschen lautet:

Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.

Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.

Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden.
Halten wir uns an das Recht.“

Von den großen Worten des verstorbenen Bundespräsidenten vor 35 Jahren zurück zur Friedenskirche in Büren.

Sie hätte auch „Christus-Kirche“ heißen können, um klar zu machen, woher wir leben: von Christus Jesus her.

In Gütersloh, wo ich geboren und aufgewachsen bin, gibt es in der Nähe meines Geburtshauses eine „Evangeliumskirche“ und die Kirche „Zum guten Hirten“. Es sind beides Nachkriegskirchen, von denen eine aufgegeben werden muß, weil die Menschen nicht mehr so enge Bindung an die Kirche haben und es inzwischen zu viele davon gibt. Die Mehrheit der Gemeindeglieder hat gegen die „Evangeliumskirche“ votiert. Die Kirche, in der ich getauft wurde, bleibt einstweilen erhalten. Kirchen, egal wie sie heißen, sind Räume, die einer wunderbaren Botschaft buchstäblich Raum geben: der Evangelium Gottes, der in Jesus Christus der Welt Heil und Leben schenkt – und darum auch Schalom: Frieden.

Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Versöhnung schwingt mit, umfassendes Glück und Heil, erfülltes Leben. Biblisch ist in diesem Sinne Frieden ohne Gott und den Glauben an ihn nicht denkbar.

Der 8. Mai 1945 war tatsächlich in Deutschland auch der Beginn einer historisch einmaligen Bautätigkeit: nie wurden mehr Kirchen gebaut in Deutschland als zwischen 1950 und 1970. Die Friedenskirche gehört in diese Zeitepoche. Sie ist ein Zeugnis der neuen Besinnung auf die christlichen Wurzeln Europas. Diese Wurzeln aber haben nur Kraft, wenn sie aus dem Wort und Geist Jesu Christi genährt bleiben. Kirchen sind so gesehen Nahrungsquellen für den Frieden, das Leben, die Freude, die Erlösung und die Zuversicht.

So bin ich persönlich dankbar

für 75 Jahre Frieden in Europa und

für 65 Jahre Friedenskirche in Büren.

Herzliche Grüße

Ihr und Euer Pastor Jörg Oberbeckmann

Predigt zum 4.5.2020 Sonntag Jubilate von Pfarrer Jörg Oberbeckmann

Jubilate 2020 (3. Mai 2020)

Liebe Schwestern und Brüder!

Jesus redet im Evangelium bei Johannes in Bildern. Oder besser gesagt: In Bildworten.

„Ich bin die Tür“ sagt Jesus z.B., - und das ist ein Gleichnis. Jesus öffnet den Zugang zu einem verborgenen Raum, in dem Gott sich „hinter“ oder gar „mit dieser Tür“ zeigt.

Jesus selbst ist dieser Zugang zu Gott.

In Johannes 15,5 sagt Jesus: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“

Wir leben nicht in einer Region, in der Wein angebaut wird. Wir kennen uns vielleicht mit Apfelbäumen aus, aber nicht mit Weinstöcken. Jesus sagt aber nicht: Ich bin der Apfelbaum, sondern in Joh 15,1: „Ich bin der wahre Weinstock!“ Gleich zweimal identifiziert sich Jesus mit dem Weinstock. Es sind die beiden letzten von insgesamt sieben sogenannten „Ich bin Worten“, die sich im Evangelium bei Johannes finden. Schon die Zahl 7 läßt aufhorchen; da war doch was…

Am siebenten Tag vollendet Gott sein Werk; seine Schöpfung kommt zum Ziel und steht unter dem Urteil: „Und siehe, es war sehr gut!“ Dieser ursprüngliche, historisch nie dagewesene Zustand ist, wie wir leidvoll wissen, verloren gegangen. Die Mächte, die den Verlust herbei führen, heißen: Verführbarkeit und Versuchung, Missachtung des Gebotes und Wortes Gottes und infolgedessen: der Tod. –

Der Tod ist damit eindeutig als eine Macht identifiziert, die gegen Gott steht – gegen seinen Willen zum Leben und gegen sein Wort.

Es ist neuzeitlich naiv zu meinen, der Tod wäre „natürlich“. Das ist aus christlicher Sicht eine Unterschätzung dieser Macht. Biblisch ist der Tod ein Feind, und zwar der Feind Gottes. – Deswegen geht Gott gegen den Tod vor, mit aller Macht – zunächst durch und in der Thora. Das, was Paulus später „das Gesetz“ nennen wird, ist jüdisch betrachtet eine einzige Verheißung und die Weisung zum Leben. Der Evangelist Johannes ist, so weit wir wissen, Jude. So wie Paulus, wie Simon, wie Maria und Joseph, wie Simon und Andreas, wie der Evangelist Matthäus. Deshalb ist „Antisemitismus“ zutiefst anti-christlich.

Das Johannes-Evangelium ist wie kein anderes Evangelium auf dem Hintergrund des jüdischen Glaubens zu hören und zu lesen: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort“ – so fängt es an.

Und natürlich hört man mit: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde…“

Dieser Anfang steht im Hintergrund des Auftretens Jesu. Denn diesem Anfang wohnt nicht nur, frei nach Hermann Hesse, „ein Zauber inne“, sondern in ihm ist das Ziel der Vollendung mit gesetzt. Dieser Anfang hat kein Ende, sondern ein Ziel: das erfüllte Leben des Schabbat. Der Tod ist hier gar nicht erst im Blick. Er ist (hier noch) „ausgeschlossen“.

Er kommt erst in der zweiten Erzählung (Gen 2) in den Blick, aber auch hier als „verbotene Möglichkeit“. Der Tod soll gerade nicht gewählt werden, er soll ausgeschlossen bleiben.

Wir wissen: Es kam alles anders.

Das Evangelium des Johannes rollt die ganze Schöpfung noch einmal auf und bringt sie zum Ziel. „Es ist vollbracht“ wird Jesus bei Johannes sagen, als er am Kreuz stirbt.

In den Kapiteln 13 bis 17 des Evangeliums nach Johannes bereitet Jesus seine Jünger auf diesen Weg ans Kreuz vor.

Jesus weiß, dass ihn dieser Weg ins Leben führt, zurück zu Gott, woher er kommt. Der Weg in den Tod ist für Jesus ein „heimgehen“ „ins Reich Gottes“ und: eine Wiederherstellung der ursprünglichen Schöpfung, der das Urteil Gottes gilt: „und siehe, es war sehr gut!“

Auf dem Weg dorthin zeigt Jesus sich als der, der mit Gott im Bunde ist, ja geradezu „eins“ mit IHM ist. Wo Gott zu Mose sagt: „Ich werde (da) sein, als der ich da sein werde“, da sagt Jesus jetzt „der Welt“ (vgl. 3,16):

„Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12).

„Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (11,25). „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6).

In Kapitel 11 übrigens holt Jesus den Lazarus aus dem Grab und aus dem Tod – am vierten Tag! Es ist das letzte und siebte Zeichen. Die vom Ursprung her gute Schöpfung Gottes wird wieder hergestellt. Die Schöpfung, die durch Sünde und Tod entstellt war, wird wieder gut. Derjenige, der alles gut macht, ist Gott der HERR selbst – höchstpersönlich zur Welt gekommen in dieser Person, in Jesus, dem Christus. Er ist, wie er selbst sagt, „der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner“.

In Psalm 80 heiß es am Anfang: DU Hirte Israels, höre, der du Josef hütest wie Schafe“. Und dann in Vers 8+9: „Du hast einen Weinstock aus Ägypten geholt, hast vertrieben die Völker und ihn eingepflanzt. Du hast vor ihm Raum gemacht und hast ihn lassen einwurzeln, dass er das Land erfüllt hat.“ Israel ist eine Pflanzung Gottes. Israel ist der Weinberg des Herrn. Das ist das erste und grundlegende Werk Gottes nach der Schöpfung. ER hat Israel erwählt, geliebt, gepflanzt. Dabei bleibt es.

Mit und in Jesus aber hat dieser Gott nun „die Welt geliebt“ (Joh 3,16). Nun wird die ganze Erde zum Weinberg, den der Gärtner – Gott selbst – beackert, hegt und pflegt.

In diesem Weinberg, in der Welt, ist Jesus selbst „der Weinstock“, von Gott gepflanzt, damit er die ganze Welt erfülle und die Welt seine Frucht genießt. Diese Frucht ist: erfülltes und ewiges Leben, die große Verwandlung, die begonnen hat. Wir erinnern uns: In Johannes 2,1-11 verwandelt Jesus Wasser in Wein. Am Ende verwandelt er den Tod ins Leben.

Zuvor aber muß Jesus in den Tod gehen. Er kennt seinen Weg. Johannes 15,1-8 steht inmitten der Abschiedsreden. Jesus bereitet die Seinen darauf vor: „Bleibt in mir und ich in euch.“ (15,4)

Darum geht es: um’s b l e i b e n. Es geht um die lebenswichtige Verbindung zwischen Jesus, der (weg)geht und denen, die (zurück) bleiben, die „Hinterbliebenen“ und Verlassenen. –

Wie können die durch den Tod Jesu und das Kreuz Getrennten beieinander bleiben: wir in ihm und er in uns?

Wieder ist die Erinnerung wichtig: „Am Anfang war das Wort“. Manfred Josuttis schreibt: „’Bleiben’ meint den permanenten Aufenthalt in einem Raum, so dass sich die Kraft des Ortes und der Körper der Person wechselseitig erfüllen. Auf diese Weise entsteht Vereinigung im Überfluß. Wer im Kraftraum der Worte Jesu verharrt, wer diese Worte inhaliert und meditiert, wer sie sich zu Herzen nimmt und sie auswendig lernt, wer im Glauben lebt, durch den werden andere zum Glauben finden. (…) In Christus bleiben heißt – am Leben bleiben.“ 250 Das ist wahr.

Dem korrespondiert bei denen, die Jesu Worte hören, der Wunsch: „Bei dir Jesu will ich bleiben!“ – Warum: „Du bist meines Lebens Leben, meine Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben, zuströmt Kraft und Lebenssaft!“ (EG 406,1)

Im Kraftraum der Worte Jesu bleiben, das heißt: die Worte Jesu sich einzuverleiben, sie zu essen und zu genießen wie ein gutes Brot und guten Wein. „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt „das Wort“ und: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (15,5). Wohl wahr.

Und es spricht für Jesus, dass er die Alternative nicht verschweigt, auch wenn’s hart ist: „Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe“ (15,6). Menschen, die mit dem Weinbau vertraut sind, wissen, dass der Weinstock beschnitten werden muß, damit die Kraft des Weinstocks nicht vergeudet wird. Wenn diese Kraft in totes Gehölz strömt, wird die Frucht beeinträchtigt und der Ertrag sinkt. Der Weingärtner aber will den Ertrag haben: gute Frucht. Der Weinberg muß beschnitten werden. Und allen ist klar: Ohne die Verbindung zum Weinstock kann keine Rebe überleben. Das Gleichnis ist klar: Ohne die Bindung an Jesus, ohne die Verbindung mit seinen Worten, können die Christen nicht überleben. Deswegen ist es keine Angstmacherei und keine Drohung, sondern es liegt buchstäblich in der „Natur der Sache“: „Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie muß brennen.“ (15,6) Das Bild hat jeder im Weinanbau vor Augen: Berge toten Gehölzes, die verbrannt werden. Das ist schlicht die Realität, nicht mehr und nicht weniger. Und das, als Gleichnis genommen, bedeutet: ohne Jesus keine Aussicht auf Leben.

Menschen, die Jesus ohnehin ablehnen und seinen Worten nicht glauben und denen diese Zusammenhänge egal sind, müssen das alles doch nicht fürchten. Sie halten das alles ohnehin für Unsinn. Als Reben, die am Weinstock hängen und bei Jesus bleiben, müssen wir anderen keine Angst machen und nicht drohen.

Wir dürfen vielmehr den Lebensgewinn bezeugen, der sich im Kraftfeld des Lebens und der Worte Jesu ergibt. Wir dürfen und können für die „Sache Jesu“ werben und zum Glauben an ihn einladen. „Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt.“

Wir alle, die wir bei Jesus bleiben wollen und die wollen, dass er bleibt – bei uns und in uns – werden einander brauchen und vor allem: den Gottesdienst brauchen, wo „die Kraft“ und „der Lebenssaft“ uns zuströmen. Wird Zeit, dass wir wieder zusammenkommen, und Gott Lob singen und Dank sagen für das Leben und die christliche Gemeinde. Herzliche Grüße

Ihr und Euer Pastor J. Oberbeckmann

Predigt zum 26.4. Pfarrer Oberbeckmann

Misericordias Domini 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“.

Mit diesen wunderbaren Worten schließt der Psalm, der von dem Herrn handelt, der „mein Hirte“ ist.

Derjenige, der diesen Psalm gelebt hat in allen Phasen und mit allen Fasern seines Lebens – und der durch den Tod hindurch „geblieben ist im Hause des Herrn“, ist Jesus selbst. Gott als sein Vater war der Hirte und der Hüter seines Lebens, der seinen Sohn aus dem Tod ins Leben gezogen hat, so dass der Sohn selber zum „Herrn“ (Gott) wurde. „Ich bin der gute Hirte“ kann Jesus im Johannes-Evangelium in Aufnahme des 23. Psalms sagen, denn „ich und der Vater sind eins“.

Und deshalb gilt: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. (…) Wenn`s nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, die Stätte zu bereiten

(Joh 14)

„Misericordias Domini“, das heißt übersetzt: „die Barmherzigkeit des Herrn“. „Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte“ – so heißt es in Psalm 103. – Barmherzigkeit ist ein zentrales Wort der Bibel, im Alten wie im Neuen Testament gleichermaßen.

Der Predigttext, der für diesen Sonntag vorgeschlagen ist, steht im 1. Petrusbrief, Kapitel 2,21-25. Er nimmt die Rede vom Hirten auf, indem er die jungen Christen um das Jahr 100 daran erinnert, dass sie bekehrt worden seien zu Jesus als „dem Hirten und Bischof Eurer Seelen“.

Diese Erinnerung war wohl deshalb so wichtig, weil die Seelen der gerade erst bekehrten und getauften Christen in großer Not waren. Denn sie wurden angefeindet, verleumdet und womöglich verfolgt – wegen ihres neuen (christlichen) Glaubens. Das ist eine Situation, die man sich in Europa kaum mehr vorstellen kann. Trotzdem gibt es diese Lage noch in vielen Ländern der Welt: daß Christen wegen ihres Bekenntnisses zu Christus leiden müssen.

Jan Dirk Döling schreibt zur Lage, in die hinein der Apostel schreibt:

„Historisch spiegelt sich im Ersten Petrusbrief die gesellschaftliche und soziale Isolierung, die die jungen Gemeinden in ihrer Umwelt erfuhren und suchten – durch die Distanz zu den öffentlichen und imperialen Kulten, die die Basis der römischen Gesellschaftsordnung verkörperten. Wer fernblieb, mußte sich verdächtig machen. Erst recht, wenn er oder sie einem als Aufrührer hingerichteten Religionsstifter huldigte.“

Die Christen gingen auf Distanz zu dem Gepflogenheiten und Werten der römischen Weltordnung. Jesus hatte eine neue „Weltanschauung“ in die Welt hinein gebracht. Er steht tatsächlich für „die Umwertung aller Werte“, die Nietzsche später beklagen wird. Nicht mehr Glanz und Gloria, Macht und Stärke, Selbstbehauptung und Heldentum sind entscheidende Faktoren im menschlichen Leben, sondern Barmherzigkeit, Mitlied, Mitleiden, Dienst am Nächsten, Verzicht auf Selbsterlösung.

Solch eine neue Lebensauffassung und ein entsprechender Lebensstil machte die frühen Christen zu „Fremden“. Und wir kennen das (leider) aus unserem (inzwischen christlichen) Breiten: Fremde werden angefeindet, verdächtigt, ausgegrenzt. Das geschieht vor allem (und hoffentlich nur) durch Nicht-Christen. Christen können bei solchen Ausgrenzungen gegenüber Fremden nicht mitmachen, denn wir sind selber „Fremde“ in der Welt (gewesen).

Das mag an einem Beispiel deutlich werden: Natürlich setzen sich Christen für das Leben ein, unbedingt und konsequent. Aber wir sagen eben im Letzten nicht: „Hauptsache gesund“. Auch das beeinträchtigte, behinderte, beschädigte, kranke Leben ist uns als Christen unbedingt lebenswert. Es hat gleiches Recht und gleiche Würde wie gesundes Leben.

„Die Welt“ ist hier auch durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes vom Februar 2020 auf einem anderen Pfad: selbstbestimmtes Sterben soll möglich sein. Was aus menschlicher Sicht absolut verständlich ist, ist aus konsequent christlicher Sicht problematisch, weil es in letzter Konsequenz für Christen kein „selbstbestimmtes“ Leben gibt, sondern ein „christus-bestimmtes“ Leben – das das Leiden einschließt.

Es war diese „Christusbestimmtheit“, die Bonhoeffer einst dazu bewog, „sich selbst“ und seinen Eigenwillen aufzugeben und in den aktiven Widerstand zu gehen und das Attentat auf Hitler mit vorzubereiten. Es war ein bewußter Schritt ins Leiden und in die Schuld. Denn einen Menschen, und sei es Adolf Hitler zu töten, bleibt unbedingt verboten durch das Gebot: „Du sollst nicht töten!“

Bonhoeffer hat es auf sich genommen, dieses Gebot zu übertreten und Schuld auf sich zu nehmen, und im Falle des Scheiterns Leid und Tod. Bonhoeffer schreibt in seinem Buch zur Nachfolge: „Das Leiden muß getragen werden, damit es vorübergeht. Entweder die Welt muß es tragen und daran zugrunde gehen oder es fällt auf Christus und wird durch ihn überwunden. So leidet Christus stellvertretend für die Welt. Aber auch die Gemeinde weiß nun, dass das Leiden einen Träger sucht. So fällt in der Nachfolge Christi das Leiden auf sie und sie trägt es, indem sie selbst getragen ist.“

Das ist ein wunderbar treffender Kommentar zu dem, was der 1. Petrusbrief im Sinne hat:

„Denn dazu seid ihr berufen

- da auch Christus gelitten hat für euch

und euch

ein Vorbild hinterlassen -

dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen“

Tatsächlich wird das (Er)Leiden hier eine Möglichkeit, die nicht nur abzulehnen ist, sondern die anzunehmen (möglich) ist. Es gibt ein Leiden, das nicht sinnlos ist, sondern geradezu heilsam, weil es Leid und Tod überwindet und in Heil verwandelt.

Das ist am Kreuz geschehen – exclusiv durch Jesus. – Das können wir nicht tun, das sollen wir nicht tun. Es ist in seinen unbedingt positiven Auswirkungen schon geschehen:

Für uns hat Christus Jesus am Kreuz gelitten. Wir können da nichts hinzutun.

Das Heil, das durch dieses Leiden erworben wurde, ist „perfekt“. Der 1. Petrusbrief schreibt das auch so: „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden!“

Das Heilwerden ist also keine Möglichkeit, die im Menschen angelegt wäre. Heil kommt auf uns zu – von Gott her. Es „widerfährt uns“.

Das Kreuz Jesu ist ein Heilsereignis, das kein Mensch auf dem Plan hatte.

Im wahrsten Sinne „durchkreuzt“ dieses Kreuz Jesu alles, was Menschen vorstellbar ist.

Daß Gott sich dem aussetzt, um die Menschen zu retten, ist „unglaublich“, aber wahr.

Dieses Geschehen und alles, was es bedeutet, führt zu einem neuen Verständnis des Lebens und der Welt. Die Maßstäbe verändern sich radikal, wenn man auf Jesus sieht:

„er, der keine Sünde getan hat,

und in dessen Mund sich kein Betrug fand;

der nicht widerschmähte,

als er geschmäht wurde,

nicht drohte, als er litt,

er stellte es aber dem anheim,

der gerecht richtet;

der unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat

an seinem Leibe auf das Holz“…

Er hat das getan, damit wir uns daran orientieren. Mehr geht nicht. Wir können das nicht kopieren, was Jesus getan hat, denn wir sind Menschen und als solche Sünder.

Was wir tun können, ist, in einem täglichen Kampf „den alten Adam ersäufen“ und also versuchen, anders zu denken und zu handeln als es menschlich wäre: also auf Rache zu verzichten, Gewalt nicht durch Gewalt zu beantworten, nicht über andere zu richten und sie verurteilen; stattdessen: Nachsicht üben, vergeben können, zur Versöhnung bereit sein. Wir wissen, wie schwer das ist.

Wir wissen aber auch: Gott hat uns in Jesus angenommen, trotz unserer Fehler, mit aller Schuld – als Sünder. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben…“

Die Bekehrung zu Gott und dem Herrn und Hirten Jesus Christus hat gravierende Folgen für das Leben. Die kann man sehen – hoffentlich!

Auf jeden Fall schreibt der Apostel, daß Jesus uns „ein Vorbild hinterlassen hat“.

Wir können nicht in die Schuhe Jesu schlüpfen – die sind uns zu groß. Aber der Spur des Lebens Jesu und seiner Worte folgen, das können wir. Wir werden auf dieser Spur verwandelt – und wir werden merken, wie es uns und anderen guttut. Dieser HERR Jesus ist mein Hirte. ER behütet deine Seele und bewahrt deinen Leib und rettet dein Leben. Er hat es getan, er tut es und er wird es tun.

Besser kann man’s nicht haben. Liebe Grüße!

Ihr und Euer Pastor Jörg Oberbeckmann

Predigt zum 19.4.2020 Pfarrer Oberbeckmann

Quasimodogeniti 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Volk Israel hat viele Krisen und Katastrophen erlebt, auch schon in biblischer Zeit. Die bedeutendste Krise und die größte Katastrophe ereignete sich 587 vor Christi Geburt, als die Babylonier Jerusalem eroberten und komplett zerstörten, den Tempel als den Wohnort Gottes inclusive. Außerdem deportierten die Babylonier die Oberschicht: Priester, Verwaltungsfachleute, Staatsbedienstete wurden ins 1200 km östlich gelegene nach Babylon verschleppt. 587 ist das Jahr des Beginns des sog. Babylonischen Exils.

Diese Krise des Verlustes aller wichtigen Institutionen: des Staates, des Landes und des Tempels war geeignet, das Gebilde „Israel“ auszulöschen: gesellschaftlich, politisch und religiös. – Wir wissen: Das war nicht der Fall.

Das babylonische Exil war vielmehr die erste von drei Katastrophen ungeheuren Ausmaßes, an deren Ende ein echter Neuanfang stand.

In Babylon trat irgendwann ein Prophet auf, dessen Person völlig unbekannt ist; bekannt sind allerdings seine Worte, denn die finden sich im Buch des Propheten Jesaja in den Kapitel 40-55. Er heißt in der Wissenschaft einfach „der Zweite Jesaja“ (Deuterojesaja); seine ersten Worte: „Tröstet, tröstet mein Volk“, spricht eure Gottheit (40,1) – Und dann der Predigttext für diesen ersten Sonntag nach Ostern, die Verse 26 bis 31:

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat dieses alles erschaffen?“

Wenn wir in diesen Zeiten einfach unsere Augen heben, dann sehen wir in Bäume voller Blüte. Und ein einzigartiges zartes Grün, das sich überall Bahn bricht vor einem Himmel, der aufgrund der erheblich reduzierten Umweltbelastungen durch weniger Flug- und Autoverkehr blauer und klarer ist als in den Jahren zuvor. Der Dunst ist weg.

„Wer hat dies alles erschaffen?“

Nun, der Mensch war es nicht, das wissen wir. Wer war es dann? –

Der Zufall, sagen viele, die Evolution und ihre Geschichte. Das ist so, das ist alles richtig.

Als Gläubige ist uns die Antwort dennoch zu wenig – auch zu wenig befriedigend. Alles Wunderbare nur Zufall? – Kann man glauben, muß man aber nicht. Wir glauben’s nicht.

Aber die Schöpfung mit all ihren Wundern ist nicht das Entscheidende; entscheidend ist, dass hinter allem eine Macht steht, die sich für Menschen interessiert, für Israel und die Juden zuerst. Eine Macht ist dahinter zu entdecken,

„eine Macht, die alle beim Namen ruft. Voll Macht und Stärke

geht ihr keines verloren.“

Die Logik ist hier dieselbe wie bei Matthias Claudius: Er fragt ja auch nicht deshalb nach der Anzahl der Sterne, weil er sie in der dem homo sapiens eigenen Neugier wirklich wissen will, sondern weil er viel wichtigeres wissen muß und weiß: „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl“…(511,1) und dann in letzter Konsequenz: „kennt auch dich und hat dich lieb“,

und damit Du es nicht vergisst, wiederholt es das Lied (511,3): „kennt auch dich und hat dich lieb.“

Gott hat Israel immer noch lieb – diese Erfahrung macht Israel in der schlimmsten Katastrophe seiner Geschichte. Gott kennt seine Geschöpfe und Erwählten und „ruft alle beim Namen“; keines geht Gott verloren.

Deshalb nimmt der Prophet Eindrücke bei den Gläubigen auf, die daran zweifeln und darüber verzweifeln:

„Warum sagst du, Jakob,

und sprichst Du, Israel:

‚Verborgen ist vor Gott mein Weg?“ (40,27)

Der Prophet wird eindringlich:

„Erkennst du es nicht?

Oder hast du es nicht gehört?

Die ewige Gottheit, GOTT (JHWH),

hat die Enden der Erde geschaffen,

sie wird nicht müde noch matt.

Ihre Einsicht ist unerforschlich!“

Wichtig ist, dass hier zwei Worte gebraucht werden für Gott: einmal übersetzt als „die Gottheit“, das ist das hebräische Wort „ELOHIM“. Elohim ist sozusagen „aller Welt’s Gott“, der Gott aller Menschen, der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Gott ist hier kein Name, sondern ein Begriff, eine Bezeichnung für das höchste Wesen, die größte Macht, die in allen Sprachen der Welt mit Gott in Verbindung gebracht wird. Deshalb wird gleichsam neutral und allgemein übersetzt: „Gottheit“. Davon zu unterscheiden ist Israels Gott, der einen unaussprechlichen Namen hat: JHWH – Luther gibt ihn als „HERR“ wieder.

Weil dieser HERR-Gott alle Macht hat und alle Wege kennt und die Erde, den Himmel und den Menschen geschaffen hat, darum wird diese Macht nicht müde noch matt. Stattdessen:

„Sie gibt den Müden Kraft

und den Ohnmächtigen

vermehrt sie ihre Stärke.“

Die Menschen in Gefangenschaft sind müde – auch glaubensmüde. Sie sehen Gottes Macht nicht mehr. Sie zweifeln an seiner Existenz, an einem Wirken. Nietzsche nimmt diesen Eindruck auf bei seinem „tollen Menschen“, wenn ihn die Menschen um ihn herum fragen und schreien lässt. „Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "ich suche Gott! Ich suche Gott!" –

Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter.

Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrieen und lachten sie durcheinander.“

Dieses unlautere und verzweifelte Lachen der Menschheit hallt durch das 20. Jahrhundert; es war, nur mit einer anderen Ernsthaftigkeit, auch schon im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Israel vernehmbar. Da allerdings weniger höhnisch und „aufgeklärt“ religionskritisch oder triumphalistisch, sondern existenziell bedeutsam als Mattigkeit und Müdigkeit geäußert: uns hilft Gott nicht mehr. Er hat uns vergessen!

Gegen diesen Eindruck, gegen diese Erfahrung, wendet sich der Prophet:

„Die auf GOTT (auf diesen Gott: JHWH) hoffen, gewinnen neue Kraft,

sie steigen auf mit Flügeln wie Adler“.

Der Glaube an Gott verleiht Flügel. Dieser Glaube läßt Dinge denken, die dem Umglauben unvorstellbar sind. Dieser Glaube ist nicht nur im „Wirklichkeitsraum“ zu Hause, sondern mehr noch im „Möglichkeitsraum“ der Geschichte.

Israels Realität war „verloren“. Es gab Israel tatsächlich nicht mehr: geographisch nicht, politisch nicht, militärisch nicht und religiös in ermatteten Restbeständen als Zweifel an seinem Gott. In diese Wirklichkeit hinein spricht Gott der HERR durch den Propheten. Der Verweis auf die Wunder der Schöpfung geben den Grund dafür, auch in der Zukunft an Gottes Wirkmacht und unverhofften Möglichkeiten in der Geschichte zu glauben.

Wir kennen das als Deutsche: Am 8. Mai 1945, nach 12 Jahren Naziterror und der Zerstörung unseres Landes und aller Länder Europas wuchs auf diesen Trümmern eine freiheitliche Demokratie in Deutschland(West) und ein Europa, in dem Länder lernten, „nicht mehr Krieg zu führen“ (Jesaja 2,)

Und trotz der beinahe vollzogenen Vernichtung des jüdischen Volkes erwuchs auf diesem Boden der Katastrophe und aus diesen Ereignissen ein neuer Staat – Israel. Es gibt Menschen, die das für einen Gottesbeweis halten.

Da ich mit Beweisen, auf Gott bezogen, grundsätzlich meine Schwierigkeiten habe, würde ich so weit nicht gehen: aber die Treue Gottes zu seinem Volk und ein Wirken Gottes in der Geschichte vermag ich in der Existenz Israels nach der Ungeheuerlichkeit des von Menschen (präziser: Deutschen) verantworteten Vernichtungsversuchs in „Auschwitz“ und der Schoa doch zu erkennen.

Ich habe in einem früheren Impuls schon erwähnt, dass es heute auch wieder (bisher nicht allzu fromme) Menschen gibt, die in Corona nicht nur eine Katastrophe sehen, sondern auch eine Chance – für Gläubige: einen Hinweis, eine Einladung zur Umkehr, bevor die Klimakatastrophe alles Leben bedroht.

Wie auch immer: Bange machen gilt nicht für u ns Christen. Wir dürfen wach bleiben, klar im Kopf, ruhig im Herzen und zuversichtlich im Glauben

Dietrich Bonhoeffer hält am 13. März 1932 eine Predigt zu 1. Mose 32,25-32+33,10. Er schreibt, dass er seine Konfirmanden fragte, „Was ich euch in der Ansprache bei der Konfirmation sagen soll“ und er bekam mehrfach zur Antwort: „Wir wollen einer ernste Mahnung für’s Leben haben“. Und Bonhoeffer schreibt: „Ich kann euch versichern, wer heute gut zuhört, der bekommt manche sehr ernste Mahnung zu hören. Aber seht: Ernste Mahnungen gibt uns heute das Leben selber genug, übergenug. Und darum darf ich euch heute nicht den Blick in die Zukunft noch schwerer und dunkler machen als er schon ist.“

„Quasimodogeniti“ – wie die neugeborenen Kinder! Neugeborene haben keine Angst. Sie leben vom Vertrauen, dass die Hände ihrer Mutter und ihres Vaters sie halten werden, tragen werden. Die Mutterbrust wird sie füttern, die Vaterhand wird sie schützen. Als Neugeborene durch den Glauben wissen wir das von Gott: ER ist da für uns. ER hält uns, trägt uns, tröstet uns, rettet uns – „von guten Mächten treu und still umgeben….“ – Wir feiern weiter Ostern, 40 wunderbare Tage lang! Herzliche Grüße

Ihr & Euer Pastor J. Oberbeckmann

Quasimodogeniti 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Volk Israel hat viele Krisen und Katastrophen erlebt, auch schon in biblischer Zeit. Die bedeutendste Krise und die größte Katastrophe ereignete sich 587 vor Christi Geburt, als die Babylonier Jerusalem eroberten und komplett zerstörten, den Tempel als den Wohnort Gottes inclusive. Außerdem deportierten die Babylonier die Oberschicht: Priester, Verwaltungsfachleute, Staatsbedienstete wurden ins 1200 km östlich gelegene nach Babylon verschleppt. 587 ist das Jahr des Beginns des sog. Babylonischen Exils.

Diese Krise des Verlustes aller wichtigen Institutionen: des Staates, des Landes und des Tempels war geeignet, das Gebilde „Israel“ auszulöschen: gesellschaftlich, politisch und religiös. – Wir wissen: Das war nicht der Fall.

Das babylonische Exil war vielmehr die erste von drei Katastrophen ungeheuren Ausmaßes, an deren Ende ein echter Neuanfang stand.

In Babylon trat irgendwann ein Prophet auf, dessen Person völlig unbekannt ist; bekannt sind allerdings seine Worte, denn die finden sich im Buch des Propheten Jesaja in den Kapitel 40-55. Er heißt in der Wissenschaft einfach „der Zweite Jesaja“ (Deuterojesaja); seine ersten Worte: „Tröstet, tröstet mein Volk“, spricht eure Gottheit (40,1) – Und dann der Predigttext für diesen ersten Sonntag nach Ostern, die Verse 26 bis 31:

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat dieses alles erschaffen?“

Wenn wir in diesen Zeiten einfach unsere Augen heben, dann sehen wir in Bäume voller Blüte. Und ein einzigartiges zartes Grün, das sich überall Bahn bricht vor einem Himmel, der aufgrund der erheblich reduzierten Umweltbelastungen durch weniger Flug- und Autoverkehr blauer und klarer ist als in den Jahren zuvor. Der Dunst ist weg.

„Wer hat dies alles erschaffen?“

Nun, der Mensch war es nicht, das wissen wir. Wer war es dann? –

Der Zufall, sagen viele, die Evolution und ihre Geschichte. Das ist so, das ist alles richtig.

Als Gläubige ist uns die Antwort dennoch zu wenig – auch zu wenig befriedigend. Alles Wunderbare nur Zufall? – Kann man glauben, muß man aber nicht. Wir glauben’s nicht.

Aber die Schöpfung mit all ihren Wundern ist nicht das Entscheidende; entscheidend ist, dass hinter allem eine Macht steht, die sich für Menschen interessiert, für Israel und die Juden zuerst. Eine Macht ist dahinter zu entdecken,

„eine Macht, die alle beim Namen ruft. Voll Macht und Stärke

geht ihr keines verloren.“

Die Logik ist hier dieselbe wie bei Matthias Claudius: Er fragt ja auch nicht deshalb nach der Anzahl der Sterne, weil er sie in der dem homo sapiens eigenen Neugier wirklich wissen will, sondern weil er viel wichtigeres wissen muß und weiß: „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl“…(511,1) und dann in letzter Konsequenz: „kennt auch dich und hat dich lieb“,

und damit Du es nicht vergisst, wiederholt es das Lied (511,3): „kennt auch dich und hat dich lieb.“

Gott hat Israel immer noch lieb – diese Erfahrung macht Israel in der schlimmsten Katastrophe seiner Geschichte. Gott kennt seine Geschöpfe und Erwählten und „ruft alle beim Namen“; keines geht Gott verloren.

Deshalb nimmt der Prophet Eindrücke bei den Gläubigen auf, die daran zweifeln und darüber verzweifeln:

„Warum sagst du, Jakob,

und sprichst Du, Israel:

‚Verborgen ist vor Gott mein Weg?“ (40,27)

Der Prophet wird eindringlich:

„Erkennst du es nicht?

Oder hast du es nicht gehört?

Die ewige Gottheit, GOTT (JHWH),

hat die Enden der Erde geschaffen,

sie wird nicht müde noch matt.

Ihre Einsicht ist unerforschlich!“

Wichtig ist, dass hier zwei Worte gebraucht werden für Gott: einmal übersetzt als „die Gottheit“, das ist das hebräische Wort „ELOHIM“. Elohim ist sozusagen „aller Welt’s Gott“, der Gott aller Menschen, der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Gott ist hier kein Name, sondern ein Begriff, eine Bezeichnung für das höchste Wesen, die größte Macht, die in allen Sprachen der Welt mit Gott in Verbindung gebracht wird. Deshalb wird gleichsam neutral und allgemein übersetzt: „Gottheit“. Davon zu unterscheiden ist Israels Gott, der einen unaussprechlichen Namen hat: JHWH – Luther gibt ihn als „HERR“ wieder.

Weil dieser HERR-Gott alle Macht hat und alle Wege kennt und die Erde, den Himmel und den Menschen geschaffen hat, darum wird diese Macht nicht müde noch matt. Stattdessen:

„Sie gibt den Müden Kraft

und den Ohnmächtigen

vermehrt sie ihre Stärke.“

Die Menschen in Gefangenschaft sind müde – auch glaubensmüde. Sie sehen Gottes Macht nicht mehr. Sie zweifeln an seiner Existenz, an einem Wirken. Nietzsche nimmt diesen Eindruck auf bei seinem „tollen Menschen“, wenn ihn die Menschen um ihn herum fragen und schreien lässt. „Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "ich suche Gott! Ich suche Gott!" –

Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter.

Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrieen und lachten sie durcheinander.“

Dieses unlautere und verzweifelte Lachen der Menschheit hallt durch das 20. Jahrhundert; es war, nur mit einer anderen Ernsthaftigkeit, auch schon im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Israel vernehmbar. Da allerdings weniger höhnisch und „aufgeklärt“ religionskritisch oder triumphalistisch, sondern existenziell bedeutsam als Mattigkeit und Müdigkeit geäußert: uns hilft Gott nicht mehr. Er hat uns vergessen!

Gegen diesen Eindruck, gegen diese Erfahrung, wendet sich der Prophet:

„Die auf GOTT (auf diesen Gott: JHWH) hoffen, gewinnen neue Kraft,

sie steigen auf mit Flügeln wie Adler“.

Der Glaube an Gott verleiht Flügel. Dieser Glaube läßt Dinge denken, die dem Umglauben unvorstellbar sind. Dieser Glaube ist nicht nur im „Wirklichkeitsraum“ zu Hause, sondern mehr noch im „Möglichkeitsraum“ der Geschichte.

Israels Realität war „verloren“. Es gab Israel tatsächlich nicht mehr: geographisch nicht, politisch nicht, militärisch nicht und religiös in ermatteten Restbeständen als Zweifel an seinem Gott. In diese Wirklichkeit hinein spricht Gott der HERR durch den Propheten. Der Verweis auf die Wunder der Schöpfung geben den Grund dafür, auch in der Zukunft an Gottes Wirkmacht und unverhofften Möglichkeiten in der Geschichte zu glauben.

Wir kennen das als Deutsche: Am 8. Mai 1945, nach 12 Jahren Naziterror und der Zerstörung unseres Landes und aller Länder Europas wuchs auf diesen Trümmern eine freiheitliche Demokratie in Deutschland(West) und ein Europa, in dem Länder lernten, „nicht mehr Krieg zu führen“ (Jesaja 2,)

Und trotz der beinahe vollzogenen Vernichtung des jüdischen Volkes erwuchs auf diesem Boden der Katastrophe und aus diesen Ereignissen ein neuer Staat – Israel. Es gibt Menschen, die das für einen Gottesbeweis halten.

Da ich mit Beweisen, auf Gott bezogen, grundsätzlich meine Schwierigkeiten habe, würde ich so weit nicht gehen: aber die Treue Gottes zu seinem Volk und ein Wirken Gottes in der Geschichte vermag ich in der Existenz Israels nach der Ungeheuerlichkeit des von Menschen (präziser: Deutschen) verantworteten Vernichtungsversuchs in „Auschwitz“ und der Schoa doch zu erkennen.

Ich habe in einem früheren Impuls schon erwähnt, dass es heute auch wieder (bisher nicht allzu fromme) Menschen gibt, die in Corona nicht nur eine Katastrophe sehen, sondern auch eine Chance – für Gläubige: einen Hinweis, eine Einladung zur Umkehr, bevor die Klimakatastrophe alles Leben bedroht.

Wie auch immer: Bange machen gilt nicht für u ns Christen. Wir dürfen wach bleiben, klar im Kopf, ruhig im Herzen und zuversichtlich im Glauben

Dietrich Bonhoeffer hält am 13. März 1932 eine Predigt zu 1. Mose 32,25-32+33,10. Er schreibt, dass er seine Konfirmanden fragte, „Was ich euch in der Ansprache bei der Konfirmation sagen soll“ und er bekam mehrfach zur Antwort: „Wir wollen einer ernste Mahnung für’s Leben haben“. Und Bonhoeffer schreibt: „Ich kann euch versichern, wer heute gut zuhört, der bekommt manche sehr ernste Mahnung zu hören. Aber seht: Ernste Mahnungen gibt uns heute das Leben selber genug, übergenug. Und darum darf ich euch heute nicht den Blick in die Zukunft noch schwerer und dunkler machen als er schon ist.“

„Quasimodogeniti“ – wie die neugeborenen Kinder! Neugeborene haben keine Angst. Sie leben vom Vertrauen, dass die Hände ihrer Mutter und ihres Vaters sie halten werden, tragen werden. Die Mutterbrust wird sie füttern, die Vaterhand wird sie schützen. Als Neugeborene durch den Glauben wissen wir das von Gott: ER ist da für uns. ER hält uns, trägt uns, tröstet uns, rettet uns – „von guten Mächten treu und still umgeben….“ – Wir feiern weiter Ostern, 40 wunderbare Tage lang! Herzliche Grüße

Ihr & Euer Pastor J. Oberbeckmann

Lesepredigt zum Ostermontag 2020 Pfarrer Oberbeckmann

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Tag danach – nach der Auferweckung Jesu von den Toten, nach der Entdeckung des leeren Grabes durch zwei Frauen, nach der frohen Kunde, daß Jesus lebt, ist der zweite Tag einer neuen Zeit. Die Christenheit hat zu ihren großen Festen – Ostern, Pfingsten und Weihnachten – einen zweiten Feiertag. Offenbar braucht es diesen zweiten Feiertag, um zu verstehen, was am Tag zuvor geschehen ist.

Im Neuen Testament ist das Unbegreifliche des Geschehens in vier Versionen überliefert. Es ist sozusagen festgeschrieben worden von der ersten Überraschung hin zu tieferem Verständnis und zu mehr Erkenntnis. Im Evangelium nach Markus heißt es nach der Entdeckung des leeren Grabes und der Erscheinung „eines Jünglings“ im Grab, der die Botschaft sagte: „Er ist auferstanden!“„Und die Frauen gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.“ (16,8).

Das Markusevangelium gilt als das älteste Evangelium, um das Jahr 70 geschrieben. Das Matthäus-Evangelium, um das Jahr 80 herum aufgeschrieben, hat hier ein zweites Wort hinzugefügt: „Sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude“ (28,8)

Der zweite Tag ist dafür da: zum besseren Verständnis, zu vertiefter Erkenntnis, zum Nachdenken und Nachklingen der frohen Botschaft – und für größere Freude

Der Predigttext für diesem Ostermontag 2020 steht im dritten Evangelium, dam nach Lukas im 24. Kapitel. Ein humorvoller und tiefsinniger Text, wie ich finde: „Als die Jünger von ihm redeten, trat Jesus selbst mitten untear sie und sprach zu ihnen.“ (24,36)

Von Jesus reden, das ist Sache der Jünger, der Christinnen und Christen. Wir reden von Jesus. Und darüber kommt Jesus uns offenbar nahe – und es kann passieren, was den Jüngern bei Lukas am zweiten Ostertag passiert ist: Jesus selbst tritt mitten unter sie.

Jesus selbst, das ist nicht mehr derselbe, der er war, bevor er am Kreuz starb. Dieser bekannte Mensch, äußerlich einer wie Du und Ich, der ist am Kreuz gestorben. Jenseits des Kreuzes und nach der Auferstehung Jesu von den Toten ist Jesus ganz „er selbst“, aber derselbe in anderer Gestalt: es ist nun der Auferstandene.

Der ist nicht sogleich erkennbar für die Jünger – und kann nicht erkannt werden, da wir nach Immanuel Kant nur das zu erkennen in der Lage sind, was wir schon kennen – wovon wir a) eine Anschauung und b) einen Begriff von etwas haben. Von der Auferstehung haben die Juden zwar bereits einen Begriff, aber keine Anschauung. Jesus ist derjenige, der zum Begriff die Anschauung hinzufügt. So also müssen die Jünger sich erschrecken: „und sie erschraken und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.“ (24)

Das ist natürlich überaus geistreich von Lukas, das zu erzählen. So gibt er zu bedenken, daß Jesus nach Ostern ein anderer ist als vor Ostern. Der eine ist bekannt und erkennbar, weil ein Mensch aus Fleisch und Blut, der andere ist unbekannt, weil „Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können“, wie Paulus weiß.

Die Jünger und wir Christinnen und Christen müssen immer wieder lernen, was das heißt – und Jesus zu Wort kommen lassen. „Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?“

Schön formuliert. Irgendwie kommen ja immer angst- und sorgenvolle Gedanken in unser Herz. Unser Herz macht sich halt immer Gedanken, menschliche Gedanken, - geht ja nicht anders. Der Mensch kann nur sehen, was er kennt. Und er kann nur kennen, was er sich vorstellen kann. Einen Auferstandenen kann der Mensch nicht kennen, weil wir ihn uns nicht vorstellen können. Und so sagt Jesus: „Seht meine Hände und Füße, ich bin’s selber!“

Die Selbigkeit Jesu ist entscheidend wichtig. Das Leben in der Auferstehung, dieses neue Leben, das danach – nach dem Tod und darüber hinaus – ist leibhaftiges Leben mit Hand und Fuß…

Hört noch mal Lukas, diese feinsinnige Witzbold und Herold froher Kunde: „Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude…“ – Der Glaube kommt offenbar nicht so schnell nach mit dem Verstehen. Die Freude des Glaubens ist schon da, aber verständiger Glaube und die Erkenntnis des Glaubens noch nicht. Die wächst erst langsam.

Deshalb braucht es die zweiten Feiertage: um von der Freude über das Neue und Unvorstellbare hinaus zum Verständnis des Neuen zu kommen, um das Unvorstellbare vorstellbar zu machen.

Ich muß an diesem zweiten Ostertage doch noch mal auf Corona kommen. Es beschäftigt uns ja doch. Und Ostern 2020 verbringen wir so, weil das Virus in der Welt ist.

„In der Corona-Krise kommt unser Zeitgefühl ins Wanken“ schreibt Johann Schloemann in der Süddeutschen Zeitung. Er zitiert Jürgen Habermas, einen der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts: „Eines kann man sagen: So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie.“ –

So „viel Wissen über unser Nichtwissen“, eine fast österliche Erkenntnis mitten in der Krise, die tatsächlich eine weltweite Katastrophe ist. „Alle, die über Kontaktsperren auf der ganzen Welt nachdenken, sind sich in einer Frage einig: So etwas hat es in der Geschichte der Moderne noch nicht gegeben“ schreibt Schloemann. Und zitiert den britischen Philosophen John Gray: „Es ist nicht bloß die Gesellschaft, die sich schwankend anfühlt. Auch die Stellung des Menschen in der Welt tut es.“ –

Diese Sätze und Zitate sind für mich deshalb so aufregend und spannend, weil sie die österliche Situation der Zeit danach in den Blick nehmen. Noch mal Gray: „Dies ist kein temporärer Bruch in einem sonst stabilen Gleichgewicht. Die Krise, die wir durchleben, ist ein Wendepunkt in der Geschichte.“

Wenn es so wäre, müßte man ja fragen: inwiefern? Was soll anders werden in unserem Leben, privat und gesellschaftlich? Wenn diese Krise ein Wendepunkt der Geschichte wäre, - was kommt danach? Der Autor spricht von „Haltlosigkeitserfahrungen“, die wir alle machen. Führt das dazu, daß Menschen neu fragen, was ihrem Leben Halt und Sinn gibt? – Wird vielleicht sogar Gott ein Thema werden als HERR und Halt meines Lebens?

Der christliche Glaube ist aus einer Krise geboren. Das Kreuz war der Zusammenbruch aller Hoffnungen, die Menschen auf Jesus gesetzt haben. Derjenige, in dem sie ihr Heil sahen, gegenwärtig und zukünftig, der wurde durch die Kreuzigung in die Vergangenheit getrieben. „Das war´s“, dachten die Römer und auch die Jünger. Auf dem Weg nach Emmaus sprechen sie ihre Enttäuschung aus: „Und wir hofften, er sei es, der Israel erlösen werde“ (24,21 ).

In dieser Enttäuschung und Erfahrung der Haltlosigkeit wurden die Jünger unterbrochen – von Jesus selbst. Er redet jetzt mit ihnen, unerkannt, - nicht aus der Vergangenheit heraus, sondern gegenwärtig. Es dauert, bis sie ihn erkennen, „als er mit ihnen zu Tisch saß“ (24,30´31).

Das ist der Wendepunkt in dieser Geschichte: Denn die frustrierten und verstörten Jünger standen nun „auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren, die sprachen:„Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen!“ (24,33+34)

Diese Botschaft ging von Jerusalem aus in alle Welt und hat sie für immer verändert. Jedes Jahr zu Ostern feiern wir das – diesmal ganz anders, ganz neu.

Ich las in einer Predigt von Jens Schroeter: „Auferstehung ist leiblich, fassbar, erfahrbar, keine spirituelle Versenkung, kein Psychotrip, kein geistiger Höhenflug. Es geht um den ganzen Menschen, mit Haut und Haaren, Händen und Füßen, Fleisch und Knochen.

Darum erzählt Lukas diese Geschichte. Sie besagt: Der ganze Jesus ist der Auferweckte, darum geht auch die Geschichte mit ihm weiter. Die Erscheinung des Auferstandenen setzt das, was war, in ein neues Licht. Die Wirklichkeit verändert sich radikal im Licht der Auferstehung; das muss man erst einmal verdauen.“

Um diesen Verdauungsvorgang bemüht sich Lukas mit seinen wunderbaren Erzählungen. Sie würden in ihrem Sinn verfehlt, wollte man sie wörtlich verstehen. Wichtig ist: Auferstehung ist eine neue Wirklichkeit – aber eben: eine Wirklichkeit. Auferstehungsleben ist leibhaftiges Leben – es geht um einen neuen Körper, der tanzen, singen, essen kann. Erfülltes Leben ist nicht nur Seelen(er)leben – auf Kosten der Körperlichkeit. Die Abwertung oder Geringschätzung des Leibhaftigen und Körperlichen ist nicht biblisch oder christlich.

Man redet dieser Tage vom „new deal“ oder auch „green deal“ für Europa nach der Krise; Ostern ist mehr: „new reality“. Das Neue ist aber eben auch zu denken als das, was (bisher) noch keinen Ort hat. Das Fremdwort dafür ist: „U-topie“. Genau das Utopische der Zukunft bekommt seinen Ort in der Gegenwart. Der Auferstandene erscheint – erst noch im Graubereich, unerkannt, als „Geist“, vielleicht gar als „Gespenst“. Bei intensiverem Nachdenken bekommt „der Geist“ Hand und Fuß – er ißt gar frisch gebratenen Fisch – und Jesus erscheint als „new realitiy“ inmitten der alten.

Zugang zu dieser neuen Wirklichkeit des Lebens bekommen wir durch die Erzählungen der Schrift. Glauben, und dem doch noch nicht recht trauen nach dem Motto: „zu schön, um wahr zu sein“, erkennen wir am zweiten Feiertag die Wahrheit des Schönen! Und glauben und verstehen….

Den Jüngern wird allerhand zugemutet zu Ostern, die Osterbotschaft muss sich erst einmal Raum verschaffen, bis sie zur Osterfreude wird.I st das so? Ist das wirklich geschehen? War der gekreuzigte und bestattete Jesus wieder physisch, haptisch erfahrbar? Diese Fragen drängen sich auf, nicht erst in unserer Zeit. Und sie werden gerne verengt auf die Faktizität des Berichteten: H

Ich bin gestern morgen wie immer mit dem Rad bei herrlichem Himmel nach Büren gefahren. Eine ungewöhnliche Stille lag über dem Land. Als ich mich in die Kirche setzte, um zu Ostern wie von der Landeskirche empfohlen landesweit von 9.30 bis 9.45 Uhr die Glocken zu läuten, erklangen diese Glocken in eine sonst nie zu erlebende Stille und Ruhe hinein. Das hat mich tief bewegt. Und selten habe ich die Glocken so laut wahrgenommen. Die Glocken waren die gleichen; die Umgebung war anders: eben „locked down“, heruntergefahren, ungewohnt zum Stillstand gekommen.

Lesepredigt 19. April 2020

Quasimodogeniti 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Volk Israel hat viele Krisen und Katastrophen erlebt, auch schon in biblischer Zeit. Die bedeutendste Krise und die größte Katastrophe ereignete sich 587 vor Christi Geburt, als die Babylonier Jerusalem eroberten und komplett zerstörten, den Tempel als den Wohnort Gottes inclusive. Außerdem deportierten die Babylonier die Oberschicht: Priester, Verwaltungsfachleute, Staatsbedienstete wurden ins 1200 km östlich gelegene nach Babylon verschleppt. 587 ist das Jahr des Beginns des sog. Babylonischen Exils.

Diese Krise des Verlustes aller wichtigen Institutionen: des Staates, des Landes und des Tempels war geeignet, das Gebilde „Israel“ auszulöschen: gesellschaftlich, politisch und religiös. – Wir wissen: Das war nicht der Fall.

Das babylonische Exil war vielmehr die erste von drei Katastrophen ungeheuren Ausmaßes, an deren Ende ein echter Neuanfang stand.

In Babylon trat irgendwann ein Prophet auf, dessen Person völlig unbekannt ist; bekannt sind allerdings seine Worte, denn die finden sich im Buch des Propheten Jesaja in den Kapitel 40-55. Er heißt in der Wissenschaft einfach „der Zweite Jesaja“ (Deuterojesaja); seine ersten Worte: „Tröstet, tröstet mein Volk“, spricht eure Gottheit (40,1) – Und dann der Predigttext für diesen ersten Sonntag nach Ostern, die Verse 26 bis 31:

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat dieses alles erschaffen?“

Wenn wir in diesen Zeiten einfach unsere Augen heben, dann sehen wir in Bäume voller Blüte. Und ein einzigartiges zartes Grün, das sich überall Bahn bricht vor einem Himmel, der aufgrund der erheblich reduzierten Umweltbelastungen durch weniger Flug- und Autoverkehr blauer und klarer ist als in den Jahren zuvor. Der Dunst ist weg.

„Wer hat dies alles erschaffen?“

Nun, der Mensch war es nicht, das wissen wir. Wer war es dann? –

Der Zufall, sagen viele, die Evolution und ihre Geschichte. Das ist so, das ist alles richtig.

Als Gläubige ist uns die Antwort dennoch zu wenig – auch zu wenig befriedigend. Alles Wunderbare nur Zufall? – Kann man glauben, muß man aber nicht. Wir glauben’s nicht.

Aber die Schöpfung mit all ihren Wundern ist nicht das Entscheidende; entscheidend ist, dass hinter allem eine Macht steht, die sich für Menschen interessiert, für Israel und die Juden zuerst. Eine Macht ist dahinter zu entdecken,

„eine Macht, die alle beim Namen ruft. Voll Macht und Stärke

geht ihr keines verloren.“

Die Logik ist hier dieselbe wie bei Matthias Claudius: Er fragt ja auch nicht deshalb nach der Anzahl der Sterne, weil er sie in der dem homo sapiens eigenen Neugier wirklich wissen will, sondern weil er viel wichtigeres wissen muß und weiß: „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl“…(511,1) und dann in letzter Konsequenz: „kennt auch dich und hat dich lieb“,

und damit Du es nicht vergisst, wiederholt es das Lied (511,3): „kennt auch dich und hat dich lieb.“

Gott hat Israel immer noch lieb – diese Erfahrung macht Israel in der schlimmsten Katastrophe seiner Geschichte. Gott kennt seine Geschöpfe und Erwählten und „ruft alle beim Namen“; keines geht Gott verloren.

Deshalb nimmt der Prophet Eindrücke bei den Gläubigen auf, die daran zweifeln und darüber verzweifeln:

„Warum sagst du, Jakob,

und sprichst Du, Israel:

‚Verborgen ist vor Gott mein Weg?“ (40,27)

Der Prophet wird eindringlich:

„Erkennst du es nicht?

Oder hast du es nicht gehört?

Die ewige Gottheit, GOTT (JHWH),

hat die Enden der Erde geschaffen,

sie wird nicht müde noch matt.

Ihre Einsicht ist unerforschlich!“

Wichtig ist, dass hier zwei Worte gebraucht werden für Gott: einmal übersetzt als „die Gottheit“, das ist das hebräische Wort „ELOHIM“. Elohim ist sozusagen „aller Welt’s Gott“, der Gott aller Menschen, der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Gott ist hier kein Name, sondern ein Begriff, eine Bezeichnung für das höchste Wesen, die größte Macht, die in allen Sprachen der Welt mit Gott in Verbindung gebracht wird. Deshalb wird gleichsam neutral und allgemein übersetzt: „Gottheit“. Davon zu unterscheiden ist Israels Gott, der einen unaussprechlichen Namen hat: JHWH – Luther gibt ihn als „HERR“ wieder.

Weil dieser HERR-Gott alle Macht hat und alle Wege kennt und die Erde, den Himmel und den Menschen geschaffen hat, darum wird diese Macht nicht müde noch matt. Stattdessen:

„Sie gibt den Müden Kraft

und den Ohnmächtigen

vermehrt sie ihre Stärke.“

Die Menschen in Gefangenschaft sind müde – auch glaubensmüde. Sie sehen Gottes Macht nicht mehr. Sie zweifeln an seiner Existenz, an einem Wirken. Nietzsche nimmt diesen Eindruck auf bei seinem „tollen Menschen“, wenn ihn die Menschen um ihn herum fragen und schreien lässt. „Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "ich suche Gott! Ich suche Gott!" –

Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter.

Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrieen und lachten sie durcheinander.“

Dieses unlautere und verzweifelte Lachen der Menschheit hallt durch das 20. Jahrhundert; es war, nur mit einer anderen Ernsthaftigkeit, auch schon im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Israel vernehmbar. Da allerdings weniger höhnisch und „aufgeklärt“ religionskritisch oder triumphalistisch, sondern existenziell bedeutsam als Mattigkeit und Müdigkeit geäußert: uns hilft Gott nicht mehr. Er hat uns vergessen!

Gegen diesen Eindruck, gegen diese Erfahrung, wendet sich der Prophet:

„Die auf GOTT (auf diesen Gott: JHWH) hoffen, gewinnen neue Kraft,

sie steigen auf mit Flügeln wie Adler“.

Der Glaube an Gott verleiht Flügel. Dieser Glaube läßt Dinge denken, die dem Umglauben unvorstellbar sind. Dieser Glaube ist nicht nur im „Wirklichkeitsraum“ zu Hause, sondern mehr noch im „Möglichkeitsraum“ der Geschichte.

Israels Realität war „verloren“. Es gab Israel tatsächlich nicht mehr: geographisch nicht, politisch nicht, militärisch nicht und religiös in ermatteten Restbeständen als Zweifel an seinem Gott. In diese Wirklichkeit hinein spricht Gott der HERR durch den Propheten. Der Verweis auf die Wunder der Schöpfung geben den Grund dafür, auch in der Zukunft an Gottes Wirkmacht und unverhofften Möglichkeiten in der Geschichte zu glauben.

Wir kennen das als Deutsche: Am 8. Mai 1945, nach 12 Jahren Naziterror und der Zerstörung unseres Landes und aller Länder Europas wuchs auf diesen Trümmern eine freiheitliche Demokratie in Deutschland(West) und ein Europa, in dem Länder lernten, „nicht mehr Krieg zu führen“ (Jesaja 2,)

Und trotz der beinahe vollzogenen Vernichtung des jüdischen Volkes erwuchs auf diesem Boden der Katastrophe und aus diesen Ereignissen ein neuer Staat – Israel. Es gibt Menschen, die das für einen Gottesbeweis halten.

Da ich mit Beweisen, auf Gott bezogen, grundsätzlich meine Schwierigkeiten habe, würde ich so weit nicht gehen: aber die Treue Gottes zu seinem Volk und ein Wirken Gottes in der Geschichte vermag ich in der Existenz Israels nach der Ungeheuerlichkeit des von Menschen (präziser: Deutschen) verantworteten Vernichtungsversuchs in „Auschwitz“ und der Schoa doch zu erkennen.

Ich habe in einem früheren Impuls schon erwähnt, dass es heute auch wieder (bisher nicht allzu fromme) Menschen gibt, die in Corona nicht nur eine Katastrophe sehen, sondern auch eine Chance – für Gläubige: einen Hinweis, eine Einladung zur Umkehr, bevor die Klimakatastrophe alles Leben bedroht.

Wie auch immer: Bange machen gilt nicht für u ns Christen. Wir dürfen wach bleiben, klar im Kopf, ruhig im Herzen und zuversichtlich im Glauben

Dietrich Bonhoeffer hält am 13. März 1932 eine Predigt zu 1. Mose 32,25-32+33,10. Er schreibt, dass er seine Konfirmanden fragte, „Was ich euch in der Ansprache bei der Konfirmation sagen soll“ und er bekam mehrfach zur Antwort: „Wir wollen einer ernste Mahnung für’s Leben haben“. Und Bonhoeffer schreibt: „Ich kann euch versichern, wer heute gut zuhört, der bekommt manche sehr ernste Mahnung zu hören. Aber seht: Ernste Mahnungen gibt uns heute das Leben selber genug, übergenug. Und darum darf ich euch heute nicht den Blick in die Zukunft noch schwerer und dunkler machen als er schon ist.“

„Quasimodogeniti“ – wie die neugeborenen Kinder! Neugeborene haben keine Angst. Sie leben vom Vertrauen, dass die Hände ihrer Mutter und ihres Vaters sie halten werden, tragen werden. Die Mutterbrust wird sie füttern, die Vaterhand wird sie schützen. Als Neugeborene durch den Glauben wissen wir das von Gott: ER ist da für uns. ER hält uns, trägt uns, tröstet uns, rettet uns – „von guten Mächten treu und still umgeben….“ – Wir feiern weiter Ostern, 40 wunderbare Tage lang! Herzliche Grüße

Ihr & Euer Pastor J. Oberbeckmann

Quasimodogeniti 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Volk Israel hat viele Krisen und Katastrophen erlebt, auch schon in biblischer Zeit. Die bedeutendste Krise und die größte Katastrophe ereignete sich 587 vor Christi Geburt, als die Babylonier Jerusalem eroberten und komplett zerstörten, den Tempel als den Wohnort Gottes inclusive. Außerdem deportierten die Babylonier die Oberschicht: Priester, Verwaltungsfachleute, Staatsbedienstete wurden ins 1200 km östlich gelegene nach Babylon verschleppt. 587 ist das Jahr des Beginns des sog. Babylonischen Exils.

Diese Krise des Verlustes aller wichtigen Institutionen: des Staates, des Landes und des Tempels war geeignet, das Gebilde „Israel“ auszulöschen: gesellschaftlich, politisch und religiös. – Wir wissen: Das war nicht der Fall.

Das babylonische Exil war vielmehr die erste von drei Katastrophen ungeheuren Ausmaßes, an deren Ende ein echter Neuanfang stand.

In Babylon trat irgendwann ein Prophet auf, dessen Person völlig unbekannt ist; bekannt sind allerdings seine Worte, denn die finden sich im Buch des Propheten Jesaja in den Kapitel 40-55. Er heißt in der Wissenschaft einfach „der Zweite Jesaja“ (Deuterojesaja); seine ersten Worte: „Tröstet, tröstet mein Volk“, spricht eure Gottheit (40,1) – Und dann der Predigttext für diesen ersten Sonntag nach Ostern, die Verse 26 bis 31:

„Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat dieses alles erschaffen?“

Wenn wir in diesen Zeiten einfach unsere Augen heben, dann sehen wir in Bäume voller Blüte. Und ein einzigartiges zartes Grün, das sich überall Bahn bricht vor einem Himmel, der aufgrund der erheblich reduzierten Umweltbelastungen durch weniger Flug- und Autoverkehr blauer und klarer ist als in den Jahren zuvor. Der Dunst ist weg.

„Wer hat dies alles erschaffen?“

Nun, der Mensch war es nicht, das wissen wir. Wer war es dann? –

Der Zufall, sagen viele, die Evolution und ihre Geschichte. Das ist so, das ist alles richtig.

Als Gläubige ist uns die Antwort dennoch zu wenig – auch zu wenig befriedigend. Alles Wunderbare nur Zufall? – Kann man glauben, muß man aber nicht. Wir glauben’s nicht.

Aber die Schöpfung mit all ihren Wundern ist nicht das Entscheidende; entscheidend ist, dass hinter allem eine Macht steht, die sich für Menschen interessiert, für Israel und die Juden zuerst. Eine Macht ist dahinter zu entdecken,

„eine Macht, die alle beim Namen ruft. Voll Macht und Stärke

geht ihr keines verloren.“

Die Logik ist hier dieselbe wie bei Matthias Claudius: Er fragt ja auch nicht deshalb nach der Anzahl der Sterne, weil er sie in der dem homo sapiens eigenen Neugier wirklich wissen will, sondern weil er viel wichtigeres wissen muß und weiß: „Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet an der ganzen großen Zahl“…(511,1) und dann in letzter Konsequenz: „kennt auch dich und hat dich lieb“,

und damit Du es nicht vergisst, wiederholt es das Lied (511,3): „kennt auch dich und hat dich lieb.“

Gott hat Israel immer noch lieb – diese Erfahrung macht Israel in der schlimmsten Katastrophe seiner Geschichte. Gott kennt seine Geschöpfe und Erwählten und „ruft alle beim Namen“; keines geht Gott verloren.

Deshalb nimmt der Prophet Eindrücke bei den Gläubigen auf, die daran zweifeln und darüber verzweifeln:

„Warum sagst du, Jakob,

und sprichst Du, Israel:

‚Verborgen ist vor Gott mein Weg?“ (40,27)

Der Prophet wird eindringlich:

„Erkennst du es nicht?

Oder hast du es nicht gehört?

Die ewige Gottheit, GOTT (JHWH),

hat die Enden der Erde geschaffen,

sie wird nicht müde noch matt.

Ihre Einsicht ist unerforschlich!“

Wichtig ist, dass hier zwei Worte gebraucht werden für Gott: einmal übersetzt als „die Gottheit“, das ist das hebräische Wort „ELOHIM“. Elohim ist sozusagen „aller Welt’s Gott“, der Gott aller Menschen, der Schöpfer des Himmels und der Erde.

Gott ist hier kein Name, sondern ein Begriff, eine Bezeichnung für das höchste Wesen, die größte Macht, die in allen Sprachen der Welt mit Gott in Verbindung gebracht wird. Deshalb wird gleichsam neutral und allgemein übersetzt: „Gottheit“. Davon zu unterscheiden ist Israels Gott, der einen unaussprechlichen Namen hat: JHWH – Luther gibt ihn als „HERR“ wieder.

Weil dieser HERR-Gott alle Macht hat und alle Wege kennt und die Erde, den Himmel und den Menschen geschaffen hat, darum wird diese Macht nicht müde noch matt. Stattdessen:

„Sie gibt den Müden Kraft

und den Ohnmächtigen

vermehrt sie ihre Stärke.“

Die Menschen in Gefangenschaft sind müde – auch glaubensmüde. Sie sehen Gottes Macht nicht mehr. Sie zweifeln an seiner Existenz, an einem Wirken. Nietzsche nimmt diesen Eindruck auf bei seinem „tollen Menschen“, wenn ihn die Menschen um ihn herum fragen und schreien lässt. „Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "ich suche Gott! Ich suche Gott!" –

Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter.

Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrieen und lachten sie durcheinander.“

Dieses unlautere und verzweifelte Lachen der Menschheit hallt durch das 20. Jahrhundert; es war, nur mit einer anderen Ernsthaftigkeit, auch schon im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung in Israel vernehmbar. Da allerdings weniger höhnisch und „aufgeklärt“ religionskritisch oder triumphalistisch, sondern existenziell bedeutsam als Mattigkeit und Müdigkeit geäußert: uns hilft Gott nicht mehr. Er hat uns vergessen!

Gegen diesen Eindruck, gegen diese Erfahrung, wendet sich der Prophet:

„Die auf GOTT (auf diesen Gott: JHWH) hoffen, gewinnen neue Kraft,

sie steigen auf mit Flügeln wie Adler“.

Der Glaube an Gott verleiht Flügel. Dieser Glaube läßt Dinge denken, die dem Umglauben unvorstellbar sind. Dieser Glaube ist nicht nur im „Wirklichkeitsraum“ zu Hause, sondern mehr noch im „Möglichkeitsraum“ der Geschichte.

Israels Realität war „verloren“. Es gab Israel tatsächlich nicht mehr: geographisch nicht, politisch nicht, militärisch nicht und religiös in ermatteten Restbeständen als Zweifel an seinem Gott. In diese Wirklichkeit hinein spricht Gott der HERR durch den Propheten. Der Verweis auf die Wunder der Schöpfung geben den Grund dafür, auch in der Zukunft an Gottes Wirkmacht und unverhofften Möglichkeiten in der Geschichte zu glauben.

Wir kennen das als Deutsche: Am 8. Mai 1945, nach 12 Jahren Naziterror und der Zerstörung unseres Landes und aller Länder Europas wuchs auf diesen Trümmern eine freiheitliche Demokratie in Deutschland(West) und ein Europa, in dem Länder lernten, „nicht mehr Krieg zu führen“ (Jesaja 2,)

Und trotz der beinahe vollzogenen Vernichtung des jüdischen Volkes erwuchs auf diesem Boden der Katastrophe und aus diesen Ereignissen ein neuer Staat – Israel. Es gibt Menschen, die das für einen Gottesbeweis halten.

Da ich mit Beweisen, auf Gott bezogen, grundsätzlich meine Schwierigkeiten habe, würde ich so weit nicht gehen: aber die Treue Gottes zu seinem Volk und ein Wirken Gottes in der Geschichte vermag ich in der Existenz Israels nach der Ungeheuerlichkeit des von Menschen (präziser: Deutschen) verantworteten Vernichtungsversuchs in „Auschwitz“ und der Schoa doch zu erkennen.

Ich habe in einem früheren Impuls schon erwähnt, dass es heute auch wieder (bisher nicht allzu fromme) Menschen gibt, die in Corona nicht nur eine Katastrophe sehen, sondern auch eine Chance – für Gläubige: einen Hinweis, eine Einladung zur Umkehr, bevor die Klimakatastrophe alles Leben bedroht.

Wie auch immer: Bange machen gilt nicht für u ns Christen. Wir dürfen wach bleiben, klar im Kopf, ruhig im Herzen und zuversichtlich im Glauben

Dietrich Bonhoeffer hält am 13. März 1932 eine Predigt zu 1. Mose 32,25-32+33,10. Er schreibt, dass er seine Konfirmanden fragte, „Was ich euch in der Ansprache bei der Konfirmation sagen soll“ und er bekam mehrfach zur Antwort: „Wir wollen einer ernste Mahnung für’s Leben haben“. Und Bonhoeffer schreibt: „Ich kann euch versichern, wer heute gut zuhört, der bekommt manche sehr ernste Mahnung zu hören. Aber seht: Ernste Mahnungen gibt uns heute das Leben selber genug, übergenug. Und darum darf ich euch heute nicht den Blick in die Zukunft noch schwerer und dunkler machen als er schon ist.“

„Quasimodogeniti“ – wie die neugeborenen Kinder! Neugeborene haben keine Angst. Sie leben vom Vertrauen, dass die Hände ihrer Mutter und ihres Vaters sie halten werden, tragen werden. Die Mutterbrust wird sie füttern, die Vaterhand wird sie schützen. Als Neugeborene durch den Glauben wissen wir das von Gott: ER ist da für uns. ER hält uns, trägt uns, tröstet uns, rettet uns – „von guten Mächten treu und still umgeben….“ – Wir feiern weiter Ostern, 40 wunderbare Tage lang! Herzliche Grüße

Ihr & Euer Pastor J. Oberbeckmann